In den Jahren seit meinem ersten Internetbesuch 1996 habe ich viel erlebt und gesehen. Selbstverständlich auch aus ganz normaler Usersicht. Ich habe also an für mich persönlich interessanten Foren mehr oder weniger partizipiert, dabei gute und schlechte gesehen, war teilweise als Moderatorin tätig, habe ein eigenes Forum sowohl bei einem Forenhoster als auch auf eigenem Webspace besessen, letzteres gemoddet, mich wissenschaftlich mit Chat-Kommunikation (und der in Foren als einer Unterform davon) beschäftigt ...
Heutzutage besitze ich kein Forum mehr, nehme aber weiterhin aktiv an Foren teil.
Und ich vertrete die These: Es lohnt sich - Ausnahmen bestätigen die Regel - einfach nicht mehr, ein neues Forum zu eröffnen!
“Damals”, also vor 7 Jahren oder so, da war es noch “cool”, sein eigenes Forum zu eröffnen, und sei es nur für 3 Kumpels, und endlich auch “Admin” zu sein. So etwas mag eine nette Spielerei sein, kann aber keine ernstzunehmende Geschäftsgrundlage sein. Auch als Anhängsel zu einem Internetauftritt wirkt so ein schwach frequentiertes Forum dann doch eher peinlich.
Es gibt in so ziemlich jedem Themenbereich etablierte Foren. Wer sich für diese Themen interessiert, der ist schon dort, denn Foren gibt es ja schon sehr lange. Und er wird auch kaum in ein anderes Newcomer-Forum wechseln. Warum auch, wenn dort ohnehin noch nichts los ist?
Daraus folgt, dass jemand, der ein neues Forum starten möchte, dort erstmal für Inhalte sorgen und das Forum beleben muss. Und da reichen 5 User und 10 Beiträge nicht aus. Was also tun? Selber posten, mit Freunden. Das kann unter Umständen auch funktionieren, wenn es beispielsweise Streit gegeben hat und eine ganze Gruppe in ein neues Forum wechselt, die es am Leben erhält. Man kennt sich, und die Motivation und Identifikation ist da. Eine gleich große Zahl an ganz neuen Usern dürfte hingegen sehr schwer zu motivieren sein.
Es gibt sogar Firmen, die es als Service anbieten, mit künstlichen Beiträgen und Usern Starthilfe zu geben. Ghostwriting für ein Forum. Ob sich diese Investition rechnet?
Wer soll mein neues Forum denn überhaupt finden, und wie? Denn noch vor der Anmeldung neuer Benutzer müssen diese ja erst einmal den Weg ins Forum finden. Gerne genommen ist die Methode, durch Werbepostings in thematisch verwandten oder gar Konkurrenzforen, manchmal auch in gänzlich unbeteiligten Foren die Werbetrommel zu rühren. Gerne gesehen hingegen ist die Methode natürlich nicht, vor allem dann nicht, wenn Benutzer sich anderswo allein zu diesem Zweck anmelden und mit Beiträgen á la “Hab ich zuuuufällig gefunden” regelrecht spammen.
Besser ist es also tatsächlich, die potenziellen Benutzer schon selbst mitzubringen.
Eigene interessierte Benutzer kann man sicher auch an das Forum heranführen, wenn man bereits eine trafficstarke Seite besitzt, die um das Forum erweitert wird. Das Forum als zusätzliche Serviceleistung, das sogar zur Benutzerbindung beitragen kann - wieso nicht? Wenn allerdings weder die Ausgangsseite noch das Forum stark genug frequentiert sind, wird es nicht funktionieren. Der Benutzer muss den Mehrwert sehen, und den sieht er nicht in einem verhältnismäßig leeren Forum: dieser Anblick könnte sogar einen eher negativen Effekt haben.
Das Beste, was einem passieren kann, ist natürlich, wenn es schon gute Problemlösungen zu Fragestellungen gibt und andere Foren - dann auch berechtigt - darauf verlinken.
Ein weiterer Punkt ist, dass das Internet nicht mehr so ganz der rechtsfreie Raum ist. Abmahnungen wegen Inhalten oder gar Benutzernamen haben die Forenbetreiber in Unruhe versetzt. Das wird umso mehr zum Problem, je größer ein Forum wird. Wer kontrolliert das alles noch? Man kann Moderatoren einsetzen. Auf diese muss man sich aber auch verlassen können. Man muss sie ggf. bezahlen. Und sie können auch nicht alles wissen, was rechtliche Belange angeht.
Viele (meist Hobby-)Foren kümmert das selbst heutzutage noch wenig - wenn ich mir so die Urheberrechtsverstöße gerade im Bildbereich anschaue.
Was bringt ein Forum monetär? Unter Umständen viel Trafficverbrauch, aber gerade bei Stammpublikum miserable Werbeeinnahmen. Kein Grund für ein Forum also.
Forenbenutzer fordern vielfach auch Rechte ein. Viele pochen auf ihr Recht auf freie Meinungsäußerung. Manchmal hauen die Benutzer sich verbal regelrecht die Köpfe ein. Dann heißt es, das Forum sei schlecht moderiert. Dann führt man Regeln ein oder ergänzt die vorhandenen, allerdings sind wieder 80% der Benutzer unfähig, diese zu lesen / zu beachten.
Irgendwann wiederholen sich auch die Themen. Zu manchen Dingen ist eben irgendwann alles gesagt. Wenn neue Benutzer mit ihren Fragen in ein durchaus gut frequentiertes Forum kommen und diese stellen, dann ruft das manchmal ein Gähnen hervor und der Verweis auf die Suchfunktion gepaart mit dem Hinweis auf die Faulheit des Neuen, der sich direkt
angepisst nicht ernst genommen fühlt. Für die alten Hasen ist irgendwann der Lerneffekt nahe null, und sie kommen seltener, sofern sie nicht zu denen gehören, die im foreneigenen Chatthread ihr neues Zuhause gefunden und mehr als 10.000 Beiträge auf dem Buckel haben. So traurig es ist, aber Leute, die kaum noch einen anderen Lebensinhalt und keine Freunde im Offline-Leben haben, die sich auf diese Weise wenigstens dem Netzpublikum präsentieren (heutzutage wäre für diese Leute Twitter ideal) und Feedback bekommen - genau diese Leute sind das dankbarste Publikum, das man in seinem Forum haben kann, denn sie erhalten es am Leben. Der Großteil der Nutzer mit einem kleinen Teil an Postings hat ein Offline-Leben. Diese Nutzer schauen nur sporadisch vorbei oder dann, wenn sie eine bestimmte Frage haben oder zu einem bestimmten Thema etwas sagen möchten.
Ein Forum kann irgendwann leerer werden; es kann auch sterben. Ich kenne Foren, wo es einmal im Monat einen neuen Thread gibt, die also immerhin noch atmen. Manche, die schlecht gewartet sind, gammeln irgendwo vor sich hin, mit Tausenden von Spam-Postings. Auch diese “leben” noch - in dem Sinne wie der 3 Monate alte Joghurt im Kühlschrank.
Auch eine große Seite im Hintergrund ist keine Garantie dafür, dass das Forum läuft. Auf Seiten von Fernsehsendern beispielsweise sind mir schon oft gähnend leere Foren begegnet. Offensichtlich besteht zumindest an dieser Stelle dann kein Bedarf. Allerdings war oft gerade in diesen Fällen die Usability auch grauenhaft: ja, wir brauchen ein Forum, also programmiert der Praktikant mal was.
Große und etablierte Foren laufen allerdings. Ideal ist es, wenn es beständig neuen Diskussionsstoff gibt, wie etwa Sportergebnisse und -nachrichten.
Und dann gibt es ja mittlerweile noch andere Möglichkeiten für den offenen Dialog mit Besuchern. Nämlich Blogs. Sicherlich ist diese Art der Kommunikation anders und sie ersetzt auch kein Forum. Sie ist in vielen Fällen sogar die bessere Lösung. Die Kommunikation geht dabei im Normalfall von mir als Blogbesitzer aus. Ich kann anderen Benutzern auch Schreibrechte erteilen; ein Gemeinschaftsblog ist möglich. Danach folgt eine Interaktion, die der in einem Forenthread durchaus ähnlich ist, eine Diskussion ermöglicht.
Der entscheidende Unterschied ist, dass der Blogbesitzer alles steuert. Er macht durch seine Blogposts Themenvorschläge, auf die die Besucher eingehen können oder nicht. Die Kommentare können sofort oder erst nach Freischaltung erscheinen. Letzteres erschwert zugegebenermaßen die Diskussion etwas, ist aber die sicherere Variante. Man kann auch eine Frist eingeben, ab der Beiträge moderiert werden, für registrierte Benutzer eine automatische Freischaltung zulassen und so weiter.
Es ist insofern mehr Arbeit, als man natürlich immer erst einen (kurzen) Beitrag schreiben muss. Ein Forum hingegen kann ein Selbstläufer sein, macht aber auch dann Arbeit, denn eine Kontrolle sollte ja trotzdem stattfinden. Von einem Blog hingegen wird aber vergleichsweise weniger erwartet. Es muss nicht hunderte oder tausende von Threads geben, sondern nur eine mindestens zweistellige Anzahl von Blogposts, die Lust auf mehr macht. Der Feinschmecker unter den Lesern wird dann aus seinem hoffentlich abonnierten Feed schon die Delikatessen aufrufen. In einem Forum hingegen muss er erstmal zum Trüffelschwein werden und wühlen, die Seite des Forums aufrufen und dann in den unterforen blättern. Denn die meisten Foren haben noch keine Feeds.
Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Vorteil eines Blogs ist die Blogosphäre. Ein Forum steht in den meisten Fällen für sich - wie der Verbrauchermarkt, in dem es zwar alles gibt, auf der grünen Wiese. Der hat möglicherweise ein Problem, wenn er
am Arsch der Welt etwas weiter draußen liegt und ihn keiner kennt, weil er z.B. noch neu ist. Wenn ich hingegen in der bereits gut frequentierten Innenstadt oder Einkaufsgalerie meine Boutique aufmache, dann profitiere ich davon, dass die Leute bereits da sind und in meinem Schaufenster Dinge sehen, die ihnen gefallen (z.B. in Blogverzeichnissen, bisschen Social Bookmarking, solange es im Rahmen bleibt). Die Verkäuferin vom Drogerieladen nebenan wird meinen Laden sicher auch gern weiterempfehlen.
Und wann macht es denn jetzt Sinn, doch noch ein Forum zu eröffnen? Dann, wenn ich eine sehr, sehr gut frequentierte Seite habe, deren Thema fast zwangsläufig Fragen und / oder Diskussionsbedarf aufwirft. Beispiel Nr. 1:
http://www.promotionbasis.de - die größte deutsche Seite in diesem Bereich, eine mittlerweile 6stellige Anzahl Benutzer. Es gibt zwar schon viele FAQs, aber viele Fragen sind speziell, und man tauscht Erfahrungen aus dem gemeinsamen Joballtag aus. Trotzdem nutzt eine vergleichsweise kleine Anzahl der Benutzer das Forum. Das sollte ich immer einkalkulieren. Nur ein Teil der Seitenbesucher wird im Forum lesen. Und nur ein Teil der Leser wird auch posten.
Beispiel Nr. 2
http://www.recht.de. Besser geht’s nicht. Ein Großthema, wo nahezu jeder irgendwelche Fragen hat, die so speziell sind, dass man die Antworten nicht einfach so im Netz finden kann. Dazu die passende, kurze Type-in-Domain. Ein sauber aufgebautes Forum mit den gerade in diesem Bereich auch notwendigen strengen Regeln, die von einem engagierten Team peinlichst überwacht werden.
Was lernen wir daraus? Entweder ein Stammpublikum (das entwickelt sich aber heute nur noch selten da, wo es nicht ohnehin schon ist), oder einfach ein Thema, das Fragen über Fragen aufwirft, und die dazu passenden kompetenten Fachleuten an der Seite - man muss “die” Anlaufstelle sein. Ganz selten gibt es auch noch mal Themen, die so neu sind, dass es die Chance gibt. Allerdings darf man bei Nischenthemen nicht von den großen Besucherzahlen träumen. Wenn ich z.B. zum Thema Semantik, zu dem ich ja auch blogge, ein Forum eröffnen würde - es würde nicht sonderlich viele User geben. Das ist auch ok, nur darf ich dann wie gesagt nicht viel erwarten. Wenn für mich ein kleiner Kreis ok ist, spricht natürlich nicht viel dagegen.
Bei Foren wie bei Blogs sollte man übrigens auf regelmäßige Updates achten, die der Sicherheit dienen. Das kann je nach Anzahl von Erweiterungen nicht immer ganz einfach sein. Auch so etwas muss man definitiv einplanen, wenn man das Vorhaben “Forum” ins Auge fasst.
Mein persönliches Fazit: solange ich nicht weiß, wie ich ein Forum in Gang bringen soll, ist es eigentlich schon die falsche Wahl. Wenn wirklich Fragebedarf seitens der User gibt, dann wird eine vernünftige Promotion auf der Hauptseite ausreichen. Wenn ich aber ohnehin selbst die Themen anstoßen muss, dann ist ein Blog m.E. wesentlich geeigneter, zeitgemäßer und leichter zu handhaben.