Wer erinnert sich nicht an den Hype, der vor etwa anderthalb bis zwei Jahren grassierte? Jeder Internetnutzer, der hip sein wollte, jedes Unternehmen MUSSTE einfach in Second Life vertreten sein.
Ach ja, da war was, nicht wahr?
Nachdem der scheinbar durchschlagende Erfolg von Second Life sich dann doch in Grenzen hielt, kommt jetzt Suchmaschinengigant Google mit einem ähnlichen Projekt auf den Markt: Google Lively.
Kurzer Rückblick: Einige Leute haben sicherlich in Second Life viel Geld gemacht, außer dem Betreiber Linden Lab vor allem die Userin Anshe Chung, die viel Geld auch in Programmierer investiert hat. Wobei mir nicht bekannt ist, ob heute unterm Strich tatsächlich Gewinn da ist.
Irgendwo streunt wahrscheinlich auch noch mein Avatar Paradise Lilliehook herum, im Zweifelsfall auf einem Dancepad, 2 Linden $ für 10 Minuten Tanzen oder so. Die Dame hatte zuletzt eine lila Mähne, außerdem eine Top-Figur, und dank Freebies auch genug schicke Klamotten und bisschen Hausrat, bloß halt keine Wohnung. Auch sie träumte von einer kleinen, aber feinen Existenz. Vielleicht mal ein Ladenlokal mieten und dort Gedichtbände verkaufen oder so. Aber ob da überhaupt jemand vorbei gekommen wäre? Nachteil: viele Orte gähnend leer, die anderen Benutzer ebenso zum Gähnen. Kein Wunder, denn sobald irgendwo mal ‘ne Party war, gab es auch sofort tierische Lags - Verzögerungen. Das liegt daran, dass alles über zentrale Server läuft, die für den Einsatzzweck nicht leistungsfähig genug sind. War zumindest damals so, Linden Lab wollte aber wohl aufrüsten.
Aber mal ehrlich: wer lebt denn schon ein komplettes Leben in so einer virtuellen Welt? Ist nicht eine Stunde am Tag schon viel Zeit, wenn man berufstätig ist und auch noch ein Offline-Leben inkl. Freunde hat? Also war es doch ganz zwangsläufig so: am Anfang alles spannend und neu. Der Avatar konnte sogar fliegen, und es gab einen Teleporter zu anderen Orten. Und eben nette Freebies, plus einen Hype, nahezu ein Versprechen, dass dort das große Geld zu machen sei. Denn schließlich gab es mit Linden $ eine Währung, die man in echte Dollars eintauschen konnte.
Aber irgendwann ist der Reiz des Neuen vorbei. Und so sind viele Nutzer wieder verschwunden; der Hype dauerte nur kurze Zeit an. Unternehmen errichteten eiligst und mit viel Tamtam eine Präsenz und verschwanden irgendwann auch wieder.
Und nun also Google mit Lively. Wieder eine virtuelle Welt, in der der Nutzer sich per Avatar bewegt. Auch laut offizielle Angaben eine Antwort auf Second Life. Die Nutzung soll kostenlos sein, Werbung sei bislang nicht geplant.
Man kann chatten, sich durch unterschiedliche Welten bewegen, seinen eigenen Raum ebenso wie seinen Avatar zusammenstellen. Alles so weit mehr oder weniger bekannt.
Der wahre Clou - ein deutlicher Fortschritt gegenüber Second Life und möglicherweise auch die Killerapplikation - ist die Möglichkeit der Vernetzung mit eigenen Seiten, Blogs und mit Social Networks wie etwa Facebook. Es gibt also nicht nur den virtuellen Avatar, sondern die Verbindung zur realen Präsenz des Benutzers im Web. Jeder kann dann also sehen, wer man ist. Daher sollte man sich gut überlegen, was man in Lively so treiben will, da ein Schutz der eigenen Privatsphäre dann nicht mehr in einem höheren Maße existiert als auf allen anderen Plattformen, auf denen man sich im Netz herumtreibt. Also lieber keine - wenn auch virtuellen - Sauforgien in Lively, und den Avatar nicht allzu leicht bekleidet herumrennen lassen, wenn man gerade im Berufsleben steht oder sich bewerben muss.
Gleichzeitig gibt es so die Möglichkeit, seinem relativ statischen Profil oder seinem Weblog etwas Leben einzuhauchen. Räume und Avatare können in Blogs und Webseiten sogar integriert werden - über einen Iframe. Der Code wird direkt fertig zum Einbinden geliefert.
Warum hat Lively bessere Chancen, erfolgreich zu werden? Der Grund liegt im eben Gesagten. Lively ist nicht ausschließlich eine Standalone-Anwendung, die extra gestartet werden muss. Lively ist dort, wo der Benutzer sich ohnehin aufhält: in seinem Weblog, auf seinem Facebook-Profil. Er kann über Lively Youtube-Videos schauen.
Wo könnte der Nutzen für Google liegen? Nun, man lernt die Nutzer NOCH besser kennen, als es
ohnehin schon der Fall ist. Wenn Benutzer sich in virtuellen Räumen bewegen, lernt man viel über deren Vorlieben und Verhaltensweisen, ob ihre Lieblingsfarbe rot oder blau ist, ob Jeans gerade in sind ...
Und wenn der Avatar nun überall eingebunden wird, hat man zugleich ein nahezu komplettes Vernetzungsprofil einer Vielzahl von Internetnutzern. Wenn der Avatar Müsli isst, warum nicht auf einer vom gleichen Benutzer besuchten Seite über AdSense Müsliwerbung anzeigen?
Noch ist alles eine Testversion (läuft auf dem Internet Explorer und auf Firefox) und daher unfertig, und die Chaträume sind auch lokal begrenzt, auf Freunde.
Wer die Seite
http://www.lively.com besucht, kann einen Installer für ein Browser-Plugin herunterladen. wenn man dieses öffnet, erfolgen der weitere Download und die Installation automatisch. Danach kann man sich direkt über seinen ganz normalen Google-Account einloggen, sofern man ihn schon besitzt. Nur einen Namen muss man noch auswählen - zugelassen sind Buchstaben, Zahlen und Punkte (.), falls schon mal jemand überlegt, wie er sich nennen könnte.
Bislang gibt es erst wenige Avatare, die man ein wenig anpassen kann. Die Grafik ist ein bisschen ... na ja, insgesamt weniger naturgetreu als in Second Life. Mit längeren Ladezeiten und Lags muss auch hier gerechnet werden (hatte ich zumindest beim Aufbau des Raums und der Personen, die wie diese netten schwarzen Office-Männchen aussahen; Google wird sich hier aber sicher nicht lumpen lassen und nachbessern); der Spaß verschluckt einiges an Bandbreite, m.E. deutlich mehr als Second Life. Ohne DSL-Flat wird man hier definitiv nichts!
Hier schielt mein Avatar mal in die Kamera, und man sieht auch mal die Oberfläche:
Die Steuerung erfolgt ziemlich intuitiv: außerhalb des Avatars kann man den Blickwinkel im Raum ändern; wenn der Cursor auf dem Avatar liegt, verändert er sich, und man kann den Avatar bewegen. Einfach mal ausprobieren, ist wie gesagt wirklich ziemlich intuitiv, so dass ich es auch kaum beschreiben kann. Neben Klamotten kann auch auch noch Kontakte verwalten. Und ich kann auch noch einen eigenen Raum erstellen und möblieren - leider weiß ich in meiner weitläufigen Wohnung mit 5 Räumen jetzt nicht, was ich außer Wohnzimmern und Schlafzimmern einrichten könnte, da besteht dringender Nachbesserungsbedarf ... however, fühlt euch wie daheim! Wenn ihr Glück habt, lunger ich vielleicht grad “daheim” rum, also kommt mich mal besuchen in “Little Germany”!